Der Neurowissenschaftler Pascal Kaufmann belebt den KI-Markt. Unternehmen wie seine Alpine AI stärken die Schweiz zwischen den USA und China.
«Alle sollen wissen: Wenn es wichtig ist, gehen wir auf Schweizer Software»
— Unternehmer Pascal Kaufmann
Stellen Sie sich vor, Sie sind Ärztin oder Arzt und Ihr Job könnte auf einen Schlag einfacher werden. Und zwar so: Sie setzen sich vor dem Patientengespräch einen kleinen, nahezu unsichtbaren Knopf ins Ohr – ähnlich jenen Modellen, wie sie im Fernsehen verwendet werden. Sie fragen die Patientin oder den Patienten nach dem Namen und den Beschwerden und konzentrieren sich voll auf das Gespräch. Kein lästiges Tippen, kein Abwenden des Blicks. Eine künstliche Intelligenz (KI) dokumentiert automatisch alle Informationen in der Patientenakte.
«Nur die Diagnose müssen Sie aus rechtlichen Gründen noch selbst stellen», sagt Pascal Kaufmann, Gründer und CEO von Alpine AI, das genau eine solche Lösung anbietet: Swiss GPT, eine Art Schweizer Antwort auf Chat GPT. Spezialisiert auf hochregulierte Sektoren wie Spitäler, aber auch Behörden, Forschungseinrichtungen und den Finanzbereich. Kann es das Startup gar mit Tech-Giganten wie Open AI, Google und Meta aufnehmen?
Den «Braincode» knacken
Ein Januarmorgen in Zürich. Pascal Kaufmann führt durch das lokale Büro von Alpine AI, das den Hauptsitz in Davos hat. In Zürich sitzt das Team in einer historischen Villa an der Rämistrasse.
Zukunftstechnik im Altbau – «den Gegensatz mag ich», sagt Kaufmann, dessen Arbeitsplatz von fünf Bildschirmen umrahmt wird. Es ist die Schaltzentrale, von der aus Kaufmann per Headset nicht nur Swiss GPT, sondern zig seiner Aktivitäten steuert.
Der 46-jährige Neurowissenschaftler ist einer der umtriebigsten Unternehmer im Bereich KI in der Schweiz. Mit Marc Vontobel gründete er 2010 Starmind, eine KI-gestützte Plattform, die das Wissen und die Expertise innerhalb von Unternehmen vernetzt. Seine Herzensmission aber ist die Initiative Mindfire, mit der er versucht, den «Braincode» zu knacken, das Prinzip der Intelligenz. «Dafür brauche ich Sprachmodelle. So ist Swiss GPT entstanden», sagt Kaufmann.
Sicherheit besonders wichtig
Swiss GPT ist kein eigenes Sprachmodell. Stattdessen nimmt Alpine AI die jeweils fortschrittlichsten Open-Source-Sprachmodelle als Grundlage und trainiert sie auf Daten der Kundschaft – zum Schutz vor dem Zugriff von Angreifern und ausländischen Behörden läuft das Ganze auf eigenen Servern in den Schweizer Bergen. Dies sei neben der eigenen Software das wichtigste Asset, sagt Kaufmann: «Wir nutzen einige der sichersten Rechenzentren der Welt.»
Wer eine Forschungsabteilung verantworte oder mit sensiblen Behörden- oder Patientendaten arbeite, vertraue bei der Einführung eines neuartigen KI-Werkzeugs am Ende doch lieber einer Schweizer Lösung als einer amerikanischen oder chinesischen, insbesondere wenn es um Themen wie Datenschutz und Technologiesouveränität geht. «Wir versuchen weltweit, die hervorragende Stellung von Schweizer Hochtechnologie zu nutzen und den Trust-Bonus auch international zu spielen. Alle sollen wissen: Wenn es wichtig ist, gehen wir auf Schweizer Software. Das ist unsere Positionierung.»
Schweizer Vorteil zwischen Sicherheit und Psychologie
Die Berge bieten physisch Schutz, die Daten sind geografisch und rechtlich geschützt: Für hochregulierte Sektoren kann das attraktiv sein. Die promovierte Rechtswissenschaftlerin Franziska Bächler von der Universität Basel sieht dennoch Herausforderungen: «Wenn grosse KI-Modelle für Firmen auf Servern in der Schweiz betrieben werden, lassen sich zwar Sicherheitsbedenken über die Nutzung ausländischer Netzwerke reduzieren, und mögliche False-Flag-Angriffe können leichter erkannt und zurückverfolgt werden.» Die Hoheit über das Hosting der Algorithmen allein räume aber nicht alle Sicherheitsbedenken aus.
Für die durch die Software generierten Resultate sei es auch relevant, welche Daten das Modell verwende, welche Quantität und Qualität diese Daten hätten, wie konsistent sie seien, ob sie für das Modell beziehungsweise die konkrete Fragestellung verwendbar seien, wie konsistent sie erhoben, kuratiert und verwendet würden und wie sicher sie gespeichert seien.
Alpine AI springt in die Nische
In dieser komplizierten Gemengelage hat ein Schweizer Anbieter auch in puncto Datenschutz nicht automatisch die Nase vorn. «Die Datensicherheit ist grundsätzlich auch über die Cloud-Rechenzentren von Microsoft, Google und Amazon sichergestellt», sagt Prafull Sharma, KI- und Cloud-Experte bei PwC Schweiz. Zwar sei es sinnvoll, dass der Bund beispielsweise mit der Swiss Government Cloud auch in eine private Cloud investiere. Aber nicht jede Tätigkeit in einem hochregulierten Sektor brauche spezielle oder gar nationale KI-Lösungen. «Viele der Anforderungen sind eher psychologischer Natur.»
Eine gute Nische für Alpine AI. Nach eigenen Angaben nutzen in der Schweiz bereits rund sechzig Institutionen den Service. Swiss GPT sei technisch und finanziell wettbewerbsfähig, sagt Kaufmann.
Für eine Firma sei die Lösung pro Mitarbeiterin und Mitarbeiter nicht teurer als etwa diejenige von Open AI. Zudem sei sie weniger fehleranfällig, weil die Software gezielt mit den Daten der Kundin oder des Kunden trainiert werde.
Schweizer KIs profitieren von Vertrauensbonus
Noch ist Alpine AI mit 15 Köpfen eine kleine KI-Firma. Im Handelsregister sind neben Kaufmann und seinem Mitgründer Thilo Stadelmann, Professor für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen an der ZHAW, die promovierte Biologin und KI-Expertin Daniela Suter, der Physiker und Unternehmer Marcel Blattner sowie Andrea Luca Schärer, Head of Product, bei Alpine AI eingetragen. Und das Team soll wachsen: Kaufmann plant bereits eine grosse Finanzierungsrunde.
Wie hoch das Startkapital war und wie viel Geld er einsammeln will, verrät er nicht. Risikofinanzierer aus den USA waren von Anfang an dabei, an interessierten Venture-Capitalists mangle es nicht, so Kaufmann: Der Runway sei ausreichend.
Was Swiss GPT kann, das versuchen auch andere in der Schweiz. Etwa Unique, ein GPT speziell für Banken, oder das ebenfalls gut positionierte Startup Enterprise Bot, das für Unternehmen KI-gestützte Chatbots und Sprachassistenzen zur Verfügung stellt. Was Alpine AI laut Expertinnen und Experten aber hervorhebt, ist das Zusammenspiel von Software und eigener Serverinfrastruktur.
Denn mit Rechenzentren allein kann ein Schweizer Unternehmen niemals mit den Milliardeninvestitionen von Microsoft und Co. mithalten. Diese schmerzliche Erfahrung hat auch ein nationaler Digitalriese wie Swisscom mit der eigenen Cloud-Infrastruktur bereits gemacht.
«Mächtiger als schnelle Chips sind Talente und Know-how»
Das grosse Geschäft mit multinationalen Datenwolken ist von den Big Techs aus Amerika bereits besetzt. Im Bereich künstliche Intelligenz können Schweizer Unternehmen aber noch punkten. So befürwortet Marcel Salathé, Co-Direktor des EPFL AI Center, nationale KI-Lösungen «nicht nur im hochregulierten Bereich». Je stärker die eigene KI-Kompetenz sei, desto geringer sei die technologische Abhängigkeit von anderen Ländern wie den USA. Die aktuelle US-Chip-Diskussion zeige hier deutlich, wie schnell KI-Technologie zum geopolitischen Druckmittel werden könne.
Tatsächlich hatte die Regierung von US-Präsident Joe Biden kurz vor Amtsende Exportkontrollen für KI-Chips angekündigt, die auch den Schweizer Tech- und Innovationsstandort treffen. KI-Unternehmer Pascal Kaufmann sieht den amerikanischen Vorstoss entspannt: Für seine Zwecke reiche die aktuell verfügbare Technologie aus. Denn: «Mächtiger als schnelle Chips sind Talente und Know-how.» Und die Schweiz sei wegen der hohen Lebensqualität in der Lage, die grössten Talente ins Land zu holen.
So kann das Land das Wettrennen um die beste künstliche Intelligenz mit der besten menschlichen Intelligenz vielleicht doch noch für sich entscheiden. Oder zumindest weit oben mitspielen.
Photos: Thomas Egli
Quelle: Handelszeitung
